Lärmszene Aktuell

Missbräuchlicher Sportwagenlärm

Es braucht Lärmmessfallen und Bussen, denn wer mit offener Auspuffklappe durch bewohntes Gebiet fährt, ist eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit.

Bundesgerichtsentscheid fordert Ausschöpfung aller Sanierungsmassnahmen

Der Entscheid zur Zuger Altstadt (1C_589/2014, Urteil vom 3. Februar 2016) bestätigt unsere Forderung für Lärmsanierungen: 'Ein Mix aus allem Möglichen, und nicht möglichst Nix' und regt einen Probelauf mit Tempo 30 an.

IG Kehlhof interveniert gegen unzureichenden Lärmschutz

Der von der Fachstelle Lärmschutz des Tiefbauamtes Kanton Zürich vorgesehene Lärmschutz entlang der Seestrasse in Stäfa reicht nicht aus.

Der Abgas- ist auch ein Lärmskandal

Was der VW-Abgasmess-Skandal in den USA jetzt zutage bringt, praktiziert die Fahrzeugindustrie auch beim Motorenlärm. Die Politik muss ihnen endlich auf die Finger klopfen!

Strassenlärmsanierungen in Verzug

Die Fristen laufen bald ab, aber vielerorts sind Lärmsanierungen in Verzug: Was können betroffene Hauseigentümer tun?

Lärmpolitik - 1. Forderung im Detail

Raser

1. Lärm an der Quelle reduzieren – Emissionen auf gesundheitsverträgliches Niveau begrenzen.

Wir fordern einen Paradigmenwechsel. Der Schutz der Gesund­heit der Wohnbevölkerung ist konsequent höher zu gewichten als die Interessen der Akteure im Strassenverkehr. Stras­senlärm ist an der Quelle zu reduzieren, also bei den Motoren, den Reifen und den Strassenbelägen. Die aktuelle Lärmbekämpfung, obwohl milliardenschwer, ist gescheitert, weil bauliche Massnahmen innerorts häufig nicht möglich sind und Schallschutzfenster erst bei extremen Belastungen >70 dB tags und >65 dB nachts eingebaut werden. Die Folge: Wo die meisten Menschen unter Lärm leiden, gibt es keinen Schutz.

 

Erläuterung:

Motorfahrzeuge erzeugen Motorenlärm und Abrolllärm der Reifen. Bis ca. 35 km/h ist der Motorenlärm dominant, darüber ist es der Reifenlärm. Lärm dämmende Strassenbeläge und lärmarmes Fahren der Motorfahrzeuglenker helfen hörbar – aber nicht genug.

Lärm wurde von Öffentlichkeit und Politik lange als blosse Störung des Wohlbefindens gewichtet und nicht ernst genommen. In den letzten Jahren hat die Wissenschaft jedoch bewiesen, dass Strassenlärm die Gesundheit schädigt und u.a. zu mehr Herz-/Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Herzinfarkten führt (siehe Referat Mette Sørensen).

 

Tiefere Grenzwerte für Lärm-Emissionen sind möglich

Die Emissions-Grenzwerte für Motorfahrzeuge sind im Strassenverkehrsrecht geregelt, und nicht im Umweltschutzgesetz (USG). Dessen Vorgaben zur Lärmvermeidung, insbesondere das Vorsorgeprinzip, wurden nicht umgesetzt. Die Politik beruft sich auf internationale Abkommen, welche die Schweiz verpflichten. Dass auch unser Gesetz über technische Handelshemmnisse (THG) den Freihandel pusht, verschweigt sie.

Solange Lärm nur lästig war, mussten nach diesen Vorgaben alle lärmigen Fahrzeuge zugelassen werden, auch die schlimmsten Krachmacher. Seit der Nachweis geführt ist, dass Lärm die Gesundheit schädigt, dürfen die Staaten die Krachmacher jedoch verbieten. Denn der freie Warenverkehr ist zwar ein Mantra in den WTO-, EU- und THG-Regelungen. Diese lassen aber Verbote für gesundheitsschädliche Produkte zu. Die Ausrede der Freihandelsvorschriften zieht also nicht mehr.

In den Debatten zu den Lärmklappen erfand das UVEK eine neue Ausrede: Die EU-Vorschriften würden stufenweise angepasst. Das trifft zwar zu – endlich! Lärmklappen werden ab 2016 faktisch verboten, indem die Grenzwerte für Sportwagen von 80 Dezibel fix sind und bis 2026 (!) auf 75 Dezibel gesenkt werden. Auch der Lärm der übrigen PW wird stufenweise auf 68 dB gesenkt. Diese Verbesserungen werden aber durch die Verkehrszunahme laufend aufgefressen. Somit bleiben in der Schweiz weiterhin über 1,3 Mio Personen gesundheitsschädlichen Lärmbelastungen von über 60 dB(A) tags sowie mehr als 50 dB(A) nachts ausgesetzt. So geht das nicht, wider besseres Wissen wird die Gesundheit der breiten Bevölkerung aufs Spiel gesetzt.

Um Lärmemissionen effektiv zu vermindern, braucht es

  1. die Anwendung der Vorgaben des USG auf die strassenrechtliche Verkehrszulassungsverordnung – und den Mut zu sagen, dass die internationalen Normen der EU/WTO/UNO den Gesundheitsschutz nicht gewährleisten. Sodann braucht es Vorgaben für die zulässigen Lärmpegel von Fahrzeugen in 5, 10 und 15 Jahren, die sich am besten anwendbaren Stand der Technik orientieren und dabei auch die neuen Möglichkeiten der Gegenschalltechnik berücksichtigen.
  2. ein Importverbot für Fahrzeuge, die diese Vorschriften nicht einhalten.
  3. Die Nachrüstung der offensichtlichen Krachmacher in dem Sinne, dass sie wenigstens die in 5 Jahren gültigen Vorgaben erfüllen.

 

«Verbote sind unliberal…»

Für alle Liberalen sind Verbote «des Teufels». Aber wenn sie wirklich liberal sind, wissen sie auch, dass die Freiheit des Einzelnen immer begrenzt ist durch die Freiheit der Anderen. Wer als rücksichtloser «Sportfahrer» hunderte Strassenanwohnende aus dem Schlaf reisst, kann sich daher nicht auf seine eigene Freiheit berufen.

 

Noch eine Studie...

Zurzeit läuft die schweizerische Studie SIRENE, um die Erkenntnisse der ausländischen Studien zu verifizieren. Wir begrüssen solche Studien, denn Vieles ist noch unerforscht. Das UVEK nimmt Sirene aber als Alibi, um vorläufig nicht handeln zu müssen. So protegiert es die Fahrzeugindustrie. Dagegen wehren wir uns. Denn die Gesundheitsschädlichkeit von Lärm ist inzwischen durch genügend Studien erwiesen: Der Cortisolspiegel eines schlafenden Schweizers ist vergleichbar mit demjenigen einer schlafenden Dänin. Ist er dauerhaft zu hoch, steigt das Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisiko bei beiden.

 

Stichwort Elektro- und Hybridfahrzeuge

Hybrid- und Elektrofahrzeuge fahren bis 35 km/h leise (darüber wird der Reifenlärm dominant). Damit sie im tiefen Geschwindigkeitsbereich besser wahrgenommen werden, zwingt die neue EU-Verordnung[1] die Hersteller sie künstlich so laut zu machen wie das «Geräusch eines mit Verbrennungsmotor ausgestatteten Fahrzeugs der gleichen Klasse». Nicht gesundheitsschädlich wären Autos mit einem Emissionsgrenzwert von etwa 45 Dezibel. Elektrofahrzeuge sollen nicht künstlich lauter gemacht werden dürfen.

 

Stichwort Pneus

Das Abrollgeräusch bei Geschwindigkeiten >35 km/h ist vor allem bei schweren PWs ein Riesenproblem. Dass Pneus vielen widersprüchlichen Anforderungen genügen müssen, ist uns bewusst. Aber mangels konkreter Vorgaben für stufenweise Verbesserungen wurde die Forschung und Entwicklung von leisen Pneus nicht vorangetrieben. Hier stehen die Staaten und die Industrie in der Pflicht. Ihrem Pflichtbewusstsein helfen wir gerne nach, indem wir uns für Geschwindigkeitsbeschränkungen in bewohnten Gebieten einsetzen, solange die Lärmperformance der Pneus so schlecht ist.



[1] (EU) Nr. 540/2014; vgl. auch (EU) Nr. 168/2013

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