Wie viel leiser macht Tempo 30 den Strassenlärm wirklich?

Offener Brief an Zürcher Kantonsrat Bourgeois

Der NZZ-Artikel vom 6. Februar 2020 zitiert die Kritik von Kantonsrat Marc Bourgeois an den Aussagen des Baudirektors Martin Neukom: Es sei "kreuzfalsch", dass eine Temporeduktion von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde den Strassenlärm halbiere. Lesen Sie hier den ganzen Artikel.

Marc Bourgeois, reichen Sie die Hand für einen Tempo 30-Versuch an der Rosengartenstrasse in Zürich

Ja, Herr Bourgeois, Tempo 30 halbiert den Lärm nicht. Da hat sich Baudirektor Neukom etwas plakativ ausgedrückt. Aber mit Ihren bloss 19% Reduktion ist das so eine Sache. Physikalisch sind sie natürlich richtig. Das ist indessen nur die halbe Miete. Wesentlich ist, was Lärmbetroffene empfinden. Die haben im Hirn keinen Schallpegelmesser eingebaut, sondern koppeln Schwankungen des Schallpegels mit ihren Empfindungen. Da gab es 2018 Versuche mit Tempo 30 an der Grabenstrasse, einer Hauptader durch die Zuger Altstadt. Und einen längeren Versuch mit Tempo 30 nachts gab es in Lausanne an zwei Hauptarterien, Avenue de Beaulieu und Avenue des Vinets. Eine davon hat eine starke Steigung wie die Rosengartenstrasse in Zürich. Und was ergaben die Auswertungen dieser Versuche? Der überwiegende Teil der Anwohnenden empfand eine starke Entlastung. Keine negativen Auswirkungen auf den MIV und auch nicht auf den ÖV. An beiden Orten wird nun Tempo 30 eingeführt. In Zug braucht es allerdings nochmals eine Runde vor den Gerichten. Die Automobilverbände üben sich in Blockade.

Starke Entlastung? Ja, da drücken wir uns bewusst ganz unpräzise aus. Wir sagen nicht, ob das jetzt 19 oder 33,3 oder 50% Entlastung sind. Hauptsache, die Anwohnenden atmen auf. Mit Ihrer Rechnerei, Herr Bourgeois, wollen Sie genau von diesem Effekt ablenken.

Und noch von etwas anderem: Anwohnende von lärmigen Strassen wie der Rosengartenstrasse haben ein um etwa 20% erhöhtes Herzinfarktrisiko und natürlich ein ebensolches für Herz-Kreislauf- und anderen Krankheiten im Vorfeld. Das ergab die Schweizerische SIRENE Nationalfondsstudie von 2017. Das ergibt pro Jahr etwa 500 Strassenlärmtote - gegenüber etwa 220 Unfalltoten - und etwa 1700 Lärmkranke. Vom erhöhten Medikamenten- und Schlafmittelkonsum an solchen Strassen mal zu schweigen. Jede Lärmreduktion vermindert diese Risiken.

Die Anwohnenden an der Rosengartenstrasse, die wir nach der Kanterniederlage der MIV-Bewegten nicht einfach im Regen stehen lassen dürfen, verdienen deshalb Schutz. Noch in diesem Jahr. Kostengünstig. Einfach. Unideologisch: Machen wir es den Lausannern nach. Vorerst ein auf ein Jahr befristeter Versuch für Tempo 30. Und dann wird Bilanz gezogen, ob das Glas für die Wipkinger bloss 19% oder um einiges voller ist. Gleichzeitig lässt sich so herausfinden, ob der MIV kollabiert. Oder ob er gleich wie jetzt tagsüber einfach etwas langsamer in den nächsten Stau und nachts einfach langsamer und leiser fliesst.

Reichen Sie die Hand, Herr Bourgeois, zu diesem Versuch. Statt Prozentrechnen einfach Ausprobieren!

Peter Ettler, Präsident Lärmliga Schweiz

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